
Vom 2 bis 4 September 2026 fand in Paris die Annual Conference des European Law Institute (ELI) anlässlich des 15-jährigen Bestehens des Instituts statt.
Für die Open Dialogue Platform bot die Konferenz die Möglichkeit, sich an einem breiten europäischen fachlichen und wissenschaftlichen Dialog über die Transformation des Rechts im Kontext tiefgreifender gesellschaftlicher, technologischer und institutioneller Veränderungen zu beteiligen.
Die Konferenz brachte Wissenschaftler:innen, praktizierende Jurist:innen und Vertreter:innen europäischer Rechtsinstitutionen zusammen, um Fragen zu diskutieren, die zunehmend über die Grenzen traditioneller juristischer Disziplinen hinausreichen. Im Mittelpunkt standen unter anderem das Verhältnis von Recht und Technologie, der Schutz der Grund- und Menschenrechte, institutionelle Verantwortung sowie die Weiterentwicklung des europäischen Rechtsraums.
Besonders bereichernd waren die interdisziplinären und rechtsvergleichenden Perspektiven, die es ermöglichen, Recht nicht allein als System von Normen und Verfahren zu betrachten, sondern als komplexen institutionellen Rahmen, der in einem kontinuierlichen Wechselverhältnis mit Gesellschaft, Technologie, Kultur und den Mechanismen der Vertrauensbildung steht.
Eine besonders inspirierende Dimension der Konferenz war die Verbindung von Recht und künstlerischen Praktiken.
Ein eindrucksvolles Beispiel dafür war eine theatralische Darstellung der Dreyfus-Affäre, in der praktizierende Jurist:innen selbst die Rollen übernahmen. Dadurch entstand eine besondere Form professioneller Reflexion über einen der prägenden Fälle der französischen Rechts- und politischen Kultur.
Die Verbindung juristischer Analyse mit theatralischer Praxis ermöglichte es, diesen historischen Fall nicht ausschließlich als eine Abfolge von Gerichtsverfahren, Dokumenten und rechtlichen Argumenten zu betrachten, sondern als eine komplexe menschliche und institutionelle Geschichte – eine Geschichte über Beweise, Verfahren, Vorurteile, Verantwortung und die Grenzen der Justiz.
Gerade für die heutige Rechtswissenschaft und juristische Ausbildung ist dieser Zugang von besonderem Interesse. Kunst veranschaulicht Recht in diesem Zusammenhang nicht lediglich, sondern eröffnet einen zusätzlichen Raum, in dem Recht erfahren und reflektiert werden kann – durch Erinnerung, menschliche Erfahrung, Emotion und narrative Formen.
Für die Open Dialogue Platform steht dies in engem Zusammenhang mit dem Konzept „Law Beyond the Text“ – einem Ansatz, der Recht nicht isoliert betrachtet, sondern in seiner Verbindung mit gesellschaftlichen Praktiken, Institutionen, Kultur und menschlicher Erfahrung.
Eine weitere wichtige Dimension der Konferenz war die sichtbare Präsenz ukrainischer Jurist:innen und Wissenschaftler:innen.
Für uns geht diese Präsenz weit über eine symbolische Repräsentation hinaus. Die Einbindung der ukrainischen juristischen und akademischen Gemeinschaft in europäische professionelle Netzwerke schafft die Möglichkeit, ukrainische Erfahrungen unmittelbar in den europäischen Rechtsdialog einzubringen – nicht lediglich als Gegenstand wissenschaftlicher Betrachtung, sondern als Quelle professionellen und institutionellen Wissens.
Die Beteiligung ukrainischer Wissenschaftler:innen und Praktiker:innen eröffnet zugleich wertvolle Möglichkeiten für eine rechtsvergleichende Auseinandersetzung damit, wie Rechtssysteme auf außergewöhnliche Situationen, technologische Transformationen, Herausforderungen für Grund- und Menschenrechte sowie auf institutionellen Wandel reagieren.
Das 15-jährige Bestehen des European Law Institute bot nicht nur Anlass, auf die Entwicklung des Instituts zurückzublicken, sondern auch über die Zukunft des europäischen Rechts nachzudenken.
Recht wirkt heute in einem Umfeld, in dem die Grenzen zwischen rechtlichen, technologischen, gesellschaftlichen und kulturellen Entwicklungen zunehmend durchlässig werden. Künstliche Intelligenz, Digitalisierung, neue Formen gesellschaftlicher Interaktion und institutioneller Wandel stellen Fragen, die mit traditionellen juristischen Ansätzen allein nicht beantwortet werden können.
Der europäische Rechtsraum braucht daher einen kontinuierlichen Dialog zwischen Wissenschaft und Praxis, Recht und Technologie, Institutionen und Gesellschaft sowie juristischem Wissen und Kultur.
Für die Open Dialogue Platform ist die Teilnahme an der Annual Conference des European Law Institute Teil dieses fortlaufenden Engagements: Räume zu schaffen, in denen ukrainische und europäische fachliche Erfahrungen zusammenkommen, miteinander in Austausch treten und neue Perspektiven für gemeinsame wissenschaftliche und Forschungsprojekte entstehen können.
Wir danken unseren Kolleg:innen für die substantiellen Diskussionen, den fachlichen und intellektuellen Austausch, die neuen professionellen Verbindungen und die Möglichkeit, diesen Dialog in zukünftigen akademischen und Forschungsinitiativen fortzuführen.