
Am 8. und 9. Oktober 2026 fand am Herder-Institut für historische Ostmitteleuropaforschung in Marburg der internationale Workshop Digitalities of Russia’s War Against Ukraine: Living Archives Workshop II statt. Im Mittelpunkt standen die digitalen Dimensionen der Dokumentation des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine, die Bewahrung von Zeugenaussagen und die Rolle lebendiger Archive. Ganna Sarybaieva, Doktorin der Rechtswissenschaften und Associate Professor an der Nationalen Universität „Odesa Law Academy“, Gründerin der österreichischen NGO Open Dialogue Platform und LivArch-Stipendiatin, beteiligte sich mit einem Vortrag über den rechtlichen Status von Kriegsdokumenten und die Grenzen des Archivierens am wissenschaftlichen Programm.
Kriege verändern nicht nur das Leben der Menschen, Städte und Gesellschaften. Sie verändern auch die Art und Weise, wie Erinnerungen bewahrt, Erfahrungen dokumentiert und Zeugnisse an künftige Generationen weitergegeben werden. Im digitalen Zeitalter gewinnen diese Prozesse eine besondere Bedeutung. Dokumente, Oral-History-Berichte, audiovisuelle Materialien und digitale Sammlungen sind nicht nur Quellen historischer Erkenntnis, sondern auch wesentliche Bestandteile des kollektiven Gedächtnisses, des Menschenrechtsschutzes und der Suche nach Gerechtigkeit.
Diesen Fragen widmete sich der vom Herder-Institut im Rahmen der Forschungsinitiative Living Archives organisierte Workshop. Forschende, Rechtsexpertinnen und Rechtsexperten, Historikerinnen und Historiker, Soziologinnen und Soziologen sowie Fachleute aus den Digital Humanities diskutierten, wie Kriegserfahrungen dokumentiert, Zeugnisse bewahrt und der Zugang zu sensiblen Materialien mit ethischen Anforderungen und dem Schutz personenbezogener Daten in Einklang gebracht werden können.
Das Programm des Workshops umfasste mehrere miteinander verbundene Forschungsbereiche.
Der erste Veranstaltungstag begann mit einer Keynote von Machteld Venken und Iryna Yeroshko mit dem Titel From Voice to Visual: The Transformation of a Ukrainian Testimony of the War to an Animation Documentary. Im Mittelpunkt stand der animierte Dokumentarfilm Ember, der im Rahmen des U-CORE-Projekts am Luxembourg Centre for Contemporary and Digital History (C²DH) der Universität Luxemburg entstanden ist.
Der Film überführt das Zeugnis einer Ukrainerin, die infolge der russischen Vollinvasion gezwungen war, ihre Heimat zu verlassen, in eine animierte Erzählform. Dieses Beispiel veranschaulichte, wie innovative digitale Darstellungsformen individuelle Kriegserfahrungen einem breiteren Publikum zugänglich machen können – und zugleich grundlegende Fragen der Repräsentation und Interpretation aufwerfen.
Wie lässt sich die Authentizität eines Zeugnisses bewahren, wenn es in visuelle Bilder übersetzt wird? Wie beeinflussen Klang, Farben, Rhythmus und Bildsprache die Wahrnehmung einer persönlichen Erfahrung? Wo verläuft die Grenze zwischen künstlerischer Interpretation und der verantwortungsvollen Darstellung des Erlebten eines anderen Menschen?
Diese Fragen bildeten den Ausgangspunkt für eine weiterführende Diskussion über das Verhältnis von Technologie, Erinnerung und menschlicher Erfahrung im Krieg.
Der zweite Veranstaltungstag widmete sich neuen Praktiken im Umgang mit Zeugenaussagen, militärischen Bestattungen als Formen lebendiger Erinnerung, den rechtlichen Dimensionen der Kriegsdokumentation sowie den Möglichkeiten digitaler Technologien bei der Dokumentation von Kriegsverbrechen.
Besondere Aufmerksamkeit galt den zeitlichen und sozialen Dimensionen des Umgangs mit sensiblen Informationen, der Ethik des Archivierens, dem Schutz personenbezogener Daten und den rechtlichen Grenzen der Aufbewahrung und Nutzung dokumentarischer Materialien.
Die Diskussionen verdeutlichten einen wesentlichen Gedanken: Ein Archiv ist nicht lediglich ein Aufbewahrungsort für Informationen. Es ist ein komplexes Gefüge von Beziehungen zwischen Zeugnisgebenden, Forschenden, Dokumenten, Technologien und Gesellschaft.
Im Rahmen der zweiten thematischen Sitzung, Legal Dimension of War Documentation: Between Evidence and Archive, hielt Ganna Sarybaieva einen Vortrag mit dem Titel „From Working Records to Living Archives: The Legal Status of Wartime Documentary Materials and the Limits of Archiving“.
Im Mittelpunkt ihres Beitrags standen die rechtlichen Fragen, die sich ergeben, wenn während eines Krieges erstellte oder gesammelte Dokumente zu Archivquellen werden, die Ereignisse, menschliche Erfahrungen und Menschenrechtsverletzungen dauerhaft dokumentieren.
Ein Dokument, das zunächst als Arbeitsunterlage, digitale Datei, persönliches Zeugnis oder Material eines Forschungsprojekts existiert, kann im Laufe der Zeit für die Geschichtswissenschaft, das kollektive Gedächtnis oder die rechtliche Aufarbeitung bestimmter Ereignisse an Bedeutung gewinnen. Dieser Übergang erfolgt jedoch nicht automatisch und ist mit rechtlichen Grenzen verbunden.
Wie können Zeugnisse langfristig bewahrt werden, ohne die Rechte der betroffenen Personen zu verletzen? Welche rechtlichen und ethischen Anforderungen müssen bei der Einrichtung digitaler Kriegsarchive berücksichtigt werden? Wie lässt sich das öffentliche Interesse an der Dokumentation von Kriegsverbrechen mit dem Schutz personenbezogener Daten, der Privatsphäre und der Sicherheit von Zeugnisgebenden vereinbaren?
Diese Fragen sind für die Ukraine besonders dringlich. Die Dokumentation der Folgen der russischen Aggression findet während des andauernden Krieges statt. Staatliche Institutionen, Menschenrechtsorganisationen, wissenschaftliche Einrichtungen, Journalistinnen und Journalisten, zivilgesellschaftliche Initiativen und Privatpersonen tragen gemeinsam dazu bei, Beweise, Dokumente und persönliche Zeugnisse zu sichern.
Die Auseinandersetzung mit diesen Herausforderungen erfordert einen interdisziplinären Ansatz. Neben den Vorschriften zur Aufbewahrung und Nutzung von Dokumenten müssen auch die Umstände ihrer Entstehung, der Zweck ihrer Erhebung, die Sensibilität der enthaltenen Informationen, die Rechte der betroffenen Personen und die möglichen Folgen einer späteren Veröffentlichung berücksichtigt werden.
Vor diesem Hintergrund eröffnet das Konzept der Living Archives eine erweiterte Perspektive auf das Archivieren: Es geht nicht allein um die Aufbewahrung von Unterlagen, sondern um einen fortlaufenden Prozess der Sicherung, Einordnung und verantwortungsvollen Nutzung von Zeugnissen, die auch lange nach dem Abschluss eines konkreten Forschungsprojekts für die Gesellschaft relevant bleiben.
Der Workshop brachte Teilnehmende aus unterschiedlichen wissenschaftlichen und beruflichen Kontexten zusammen und schuf Raum für den Austausch von Methoden, Erfahrungen und interdisziplinären Perspektiven.
Die Beiträge behandelten digitale Kriegsdokumentation, Oral History, Soziologie, Erinnerungsforschung, Völkerrecht, die Ethik im Umgang mit sensiblen Quellen sowie digitale Formen der Darstellung menschlicher Erfahrungen.
Eine solche interdisziplinäre Zusammenarbeit ist für die Erforschung des russischen Angriffskrieges gegen die Ukraine von besonderer Bedeutung. Kriegsdokumentation bedeutet weit mehr als das Sammeln von Fakten. Sie erfordert auch eine Auseinandersetzung damit, wie diese Fakten bewahrt, interpretiert, unterschiedlichen Zielgruppen zugänglich gemacht und für den Schutz der Menschenrechte genutzt werden können.
Für Ganna Sarybaieva bot die Teilnahme am LivArch-Forschungsprogramm die Möglichkeit, ihre Untersuchungen zu den rechtlichen Dimensionen der Kriegsdokumentation zu vertiefen und den wissenschaftlichen Austausch mit der internationalen Forschungsgemeinschaft auszubauen.
Dieser Forschungsansatz steht zugleich in Verbindung mit der Arbeit der Open Dialogue Platform (ODP), einer in Österreich gegründeten zivilgesellschaftlichen Organisation, die sich für Menschenrechte, Rechtsstaatlichkeit, demokratische Resilienz und den internationalen interdisziplinären Dialog einsetzt.
Die Verbindung von juristischer Expertise, Forschung zu digitalen Archiven und zivilgesellschaftlichem Engagement eröffnet neue Perspektiven für die Zusammenarbeit zwischen ukrainischen und europäischen Forschenden sowie für die Entwicklung von Ansätzen zur verantwortungsvollen Bewahrung dokumentarischer Zeugnisse des Krieges.
Die Diskussionen in Marburg haben gezeigt, dass die Zukunft der Archive nicht allein von technologischen Fortschritten bei der Speicherung und Verarbeitung von Informationen abhängt. Ebenso entscheidend sind rechtliche Garantien, ethische Grundsätze, die Achtung der Menschenwürde und das Bewusstsein für die Verantwortung gegenüber jenen Menschen, deren Geschichten Teil des kollektiven Gedächtnisses werden.
Für die Ukraine bieten Living Archives die Möglichkeit, die Vielfalt der Zeugnisse über den Krieg zu bewahren, ihre verantwortungsvolle Nutzung sicherzustellen und eine Grundlage für künftige historische, sozialwissenschaftliche und juristische Forschungen zu schaffen.
Zeugnisse zu bewahren bedeutet nicht nur, die Vergangenheit zu dokumentieren. Es bedeutet auch, Verantwortung dafür zu übernehmen, wie künftige Generationen den Krieg, seinen menschlichen Preis und die Bedeutung von Gerechtigkeit verstehen werden.
Die Teilnahme von Ganna Sarybaieva am Forschungsprogramm des Herder-Instituts ist Teil ihrer kontinuierlichen wissenschaftlichen Arbeit an der Schnittstelle von Recht, Menschenrechten und interdisziplinärer Forschung. Zugleich trägt sie dazu bei, ukrainische Erfahrungen und rechtliche Perspektiven stärker in den europäischen wissenschaftlichen Diskurs einzubringen.
https://www.herder-institut.de/de/aktuelles/veranstaltungen/digitalities-russias-war-against-ukraine-living-archives-workshop-ii
https://www.livarch.org/
https://www.livarch.org/en/fellowships/