Von der Erfahrung zum Wissen, vom Wissen zur Resilienz

Von der Erfahrung zum Wissen, vom Wissen zur Resilienz
02.10.2026
Analytical Materials

Am 23. und 24. August 2026 fanden in Kyjiw mehrere Veranstaltungen statt, die sich einer der zentralen Fragen unserer Gegenwart widmeten: Wie können gesellschaftliche Resilienz und Handlungsfähigkeit unter Bedingungen anhaltender Unsicherheit und tiefgreifender Krisen verstanden und gestärkt werden?

Für die Open Dialogue Platform war insbesondere die wissenschaftliche und fachliche Konferenz „Mosaik der Erfahrungen“ von besonderer Bedeutung, die im Vorfeld des VI. Gipfels der First Ladies und Gentlemen „World–2026: In Zeiten der Unsicherheit Halt finden“ stattfand.

Die Teilnahme an diesen Veranstaltungen knüpft an die Arbeit der Open Dialogue Platform an der Schnittstelle von Recht, institutioneller Entwicklung, kollektivem Gedächtnis und demokratischer Resilienz an.

Von der Erfahrung zur Reflexion

„Mosaik der Erfahrungen“ eröffnete eine wichtige Perspektive auf Resilienz: nicht lediglich als Fähigkeit einer Gesellschaft, eine Krise zu überstehen, sondern als einen Prozess, in dem Erfahrungen gesammelt, reflektiert, geteilt und in Wissen überführt werden.

Die Erfahrungen von Einzelpersonen, Gemeinschaften, Institutionen und Staaten gewinnen dann eine weiterreichende gesellschaftliche Bedeutung, wenn sie zum Gegenstand von Reflexion, Forschung und Dialog werden. Auf diese Weise können einzelne Praktiken zu gemeinsamem Wissen werden, während Wissen wiederum eine Grundlage für zukünftige gesellschaftliche und institutionelle Entscheidungen bildet.

Resilienz ist aus dieser Perspektive ein mehrdimensionales Phänomen. Sie umfasst nicht nur die Fähigkeit, auf Krisen zu reagieren, sondern auch die Fähigkeit, soziale Verbindungen zu erhalten, Institutionen handlungsfähig zu halten, sich an Veränderungen anzupassen, Vertrauen wiederherzustellen, aus Erfahrungen zu lernen und neue Formen der Zusammenarbeit zu entwickeln.

Resilienz erfordert daher nicht nur praktische Antworten, sondern auch eine Sprache, Begriffe und wissenschaftliche Ansätze, mit denen Erfahrungen beschrieben, eingeordnet und für eine weiterführende Reflexion zugänglich gemacht werden können.

Der Beitrag der Open Dialogue Platform

Ganna Sarybaieva, Gründerin der Open Dialogue Platform, nahm aktiv an der Konferenz und an den anschließenden Diskussionen über die internationalen Dimensionen gesellschaftlicher Resilienz teil.

Ihr fachlicher Beitrag war in eine umfassendere Fragestellung eingebettet: Wie können die Erfahrungen von Gesellschaften, die tiefgreifende Krisen und Umbrüche erleben, in Wissen, institutionelle Praktiken und langfristige demokratische Handlungsfähigkeit überführt werden?

Für die Open Dialogue Platform ist dieser Ansatz von grundlegender Bedeutung: Erfahrung sollte nicht lediglich Erinnerung oder unmittelbare Reaktion auf eine Krise bleiben. Sie kann zu einer Quelle von Wissen, zu einem Gegenstand wissenschaftlicher Forschung und zu einer Grundlage für zukünftige gesellschaftliche und institutionelle Praktiken werden.

Global Vocabulary of Resilience

Diese Diskussion fand am 24. August im Rahmen des VI. Gipfels der First Ladies und Gentlemen ihre Fortsetzung mit der Präsentation des internationalen Projekts Global Vocabulary of Resilience.

Die Publikation vereint Erfahrungen aus 38 Ländern und entwickelt eine konzeptionelle Landkarte gesellschaftlicher Resilienz – anhand von Begriffen, sozialen Praktiken, institutionellen Modellen und kulturellen Kontexten.

Für den ukrainischen Kontext ist insbesondere die Aufnahme des ukrainischen Begriffs „Sofiijnist“ (Софійність) von Bedeutung. Das Konzept eröffnet einen Zugang zu Resilienz, der den Lebenswillen, die Fähigkeit zum Handeln und die aus Erfahrung gewonnene Weisheit miteinander verbindet.

Ganna Sarybaieva war zudem an der Vorbereitung und inhaltlichen Ausarbeitung des Global Vocabulary of Resilience beteiligt und wirkte an seiner Erstellung als Autorin mit.

Für die Open Dialogue Platform ist dieser Beitrag nicht nur deshalb relevant, weil er ukrainische Erfahrungen in einen internationalen Dialog einbringt.

Er steht zugleich für einen weiterreichenden intellektuellen Prozess: die Entwicklung einer gemeinsamen Begrifflichkeit, mit der Gesellschaften über Krisen, Wiederaufbau, Solidarität und Zukunft miteinander ins Gespräch kommen können.

Ukrainische Erfahrung als Quelle von Wissen

Die Ukraine verfügt heute über eine tiefgreifende und besondere Erfahrung gesellschaftlicher und institutioneller Resilienz. Gleichzeitig ist es wichtig, dass diese Erfahrung nicht ausschließlich innerhalb eines nationalen Narrativs oder des unmittelbaren politischen Diskurses verbleibt.

Sie muss erforscht, dokumentiert, konzeptualisiert und weitergegeben werden – sowohl innerhalb der ukrainischen Gesellschaft als auch im internationalen akademischen und fachlichen Austausch.

Hier treffen Fragen des Rechts, der Institutionen, der Kultur und des kollektiven Gedächtnisses aufeinander. Rechtliche und gesellschaftliche Institutionen entstehen nicht unabhängig von menschlicher Erfahrung. Erinnerung prägt unser Verständnis der Vergangenheit und beeinflusst zugleich Entscheidungen über die Zukunft. Wissen, das in Krisenzeiten entsteht, kann wiederum die Institutionen und gesellschaftlichen Praktiken prägen, die danach entwickelt werden.

Resilienz sollte daher nicht nur als eine Eigenschaft verstanden werden, die eine Gesellschaft im Moment einer Krise unter Beweis stellt, sondern auch als ein langfristiger Prozess des Lernens, der Anpassung und der institutionellen Entwicklung.

Dialog als Mechanismus der Wissensbildung

„Mosaik der Erfahrungen“ und das Global Vocabulary of Resilience verdeutlichen die Bedeutung von Räumen, in denen unterschiedliche Erfahrungen aufeinandertreffen, miteinander verglichen und gemeinsam reflektiert werden können.

Keine Gesellschaft verfügt über fertige Antworten auf jede Herausforderung. Die Erfahrung einer Gesellschaft kann jedoch für eine andere zu Wissen und zu einem Bezugspunkt werden – vorausgesetzt, sie wird in einem offenen Dialog geteilt und kritisch reflektiert.

Für die Open Dialogue Platform ist der Dialog zwischen Wissenschaftler:innen, Expert:innen, Zivilgesellschaft und Institutionen daher nicht lediglich ein ergänzendes Element gesellschaftlicher Resilienz. Er ist einer der Mechanismen, durch die Resilienz verstanden, entwickelt und langfristig gestärkt werden kann.

Die Open Dialogue Platform wird weiterhin Räume schaffen, in denen Erfahrung zu Wissen, Wissen zu Dialog und Dialog zu einer Grundlage für eine verantwortungsvolle Zukunft wird.

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